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Anna Hiltrop: Wir müssen umdenken. Und das schnell

Während sie sonst einen vollen Terminkalender vor sich liegen hat, ständig aus dem Koffer lebt und praktisch jeden Tag in einer anderen Stadt aufwacht, sitzt Topmodel Anna Hiltrop jetzt zu Hause, backt Kuchen – und macht sich ihre Gedanken… 

Du bist gerade dabei Kuchen zu backen. Warum?

Ich habe momentan echt viel Zeit – wie viele von uns, denke ich. Messen, Modenschauen und Shootings finden nicht mehr statt – d.h., meine Jobs für die nächsten Monate wurden alle abgesagt bzw. verschoben. Da stellte sich mir die Frage: Was mache ich nun mit meiner Zeit? Da ich furchtbar gern backe, habe ich mir gedacht, dass es doch schön wäre, anderen eine Freude zu machen. Also backe ich für die Nachbarschaft und mache – bei Bedarf – auch Einkäufe oder führe den Hund aus. Was eben so ansteht in Zeiten wie diesen.

Wie gehst Du mit diesen Corona-Zeiten um? Hast Du Angst?

Klares Ja. Ich finde es absolut erschreckend, wie dieses Virus die Welt in Atem hält. Keiner von uns weiß, was genau zu tun ist. Außer, dass man eben zu Hause bleibt, soziale Kontakte nach Möglichkeit vermeidet – und sich gründlich die Hände wäscht. Aber das habe ich sowieso immer schon getan.

Wie meinst Du, wird es weitergehen?

Es wäre vermessen, zu behaupten, dass ich eine Lösung hätte. Allerdings bin ich mir sicher, dass wir alle umdenken müssen. Und das ganz schnell. Ich habe z.B. im Netz einen Artikel darüber gelesen, dass das Virus sich in Italien wegen der dort ansässigen Modeindustrie so extrem ausgebreitet hat – und das finde ich absolut einleuchtend. Und furchtbar.

Wie hängt denn die Modeindustrie mit dem Virus zusammen?

Nun, es wurde geschrieben, dass in den italienischen Modezentren tausende von illegalen chinesischen Lohnarbeitern unter menschenunwürdigen Bedingungen in sogenannten „Sweatshops“ ihr Dasein fristen. Sie schlafen da, wo sie arbeiten, zusammengepfercht in Kellern. Ihre Arbeitstage dauern 14, 16 Stunden. Sie müssen von den paar Euros, die sie dort verdienen, nicht nur ihre Schlepper bezahlen, sondern auch noch für Unterkunft und Essen. Und natürlich sind sie auch nicht krankenversichert, da es sie offiziell ja gar nicht gibt. D.h. – wenn auch nur einer dieser Menschen mit dem Coronavirus infiziert war, hat das eine Lawine losgetreten.

Gut, das ist jetzt eine Theorie. Nehmen wir die mal als gegeben an – was heißt das für Dich? Fashion ist ja nun immerhin Dein Job… 

Meiner Meinung nach müssen wir alle umdenken.  Und zwar schnell. Jeder von uns sollte sich grundsätzlich in jeder Situation fragen, in welchem Verhältnis der Nutzen zum ökologischen Fußabdruck, den man ja unweigerlich hinterlässt, steht. Um bei dem Beispiel Fashion zu bleiben: Muss es Billigmode bzw. Fast Fashion sein? Ist nicht das andere, fair produzierte und Bio-Zertifizierte Kleidungsstück in jeder Hinsicht besser? Je mehr man sich die Frage von Quantität und Nutzen stellt, desto mehr Dinge fallen einem selbst im Alltag auf. 

Und – wäre es nicht schön, wenn die ganzen Blogger und influencer, die sonst immer die Modemetropolen wie Mailand bei den Fashion Weeks besiedeln, sich etwas mehr einsetzen, hinweisen und ggf. zu Spenden für die Krankenhäuser dort aufrufen würden? Es geht jetzt eben mal nicht nur um schöne Outfits und perfekte Fotos, sondern um Menschenleben und darum, einen weltweiten Kollaps zu vermeiden. 

Wie bist Du auf das Thema Nachhaltigkeit aufmerksam geworden? Doch nicht erst seit Corona, oder?

Das Thema Nachhaltigkeit begegnet mir schon, seitdem ich ein Kind bin. Meine Eltern haben mir beigebracht, mit Natur und Umwelt behutsam und respektvoll umzugehen und nicht verschwenderisch zu sein, was zum Beispiel auch Wasser oder Müll angeht

Bleiben wir bei der Mode. Wie erkenne ich, ob ein Label „grün“ ist? Gibt es eine App oder ähnliches, die mir das Shoppen erleichtert?

Klar gibt’s die. „Nabu Siegelcheck“ z.B. ist eine App, bei der man das Etikett eines Artikels einscannen kann und alle Informationen erhält, inwieweit dieser ökologisch vertretbar ist. Für Kosmetik funktionieren „Tox fox“ oder auch „Codecheck“ gut.  Und auch Siegel wie z.B. der „Grüne Knopf“ oder das „Global-Organic-Textile-Siegel (GOTS)“ haben strenge ökologische und soziale Kriterien entsprechend der internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Die strengsten Richtlinien für eine nachhaltige und soziale Textilproduktion in Europa hat allerdings das „Naturtextil-IVN-zertifiziert-BEST-Siegel“ vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN). 

Hat sich Dein Einkaufsverhalten geändert?

Ich kaufe definitiv viel bewusster ein.  Ich wähle meine Kleidung so aus, dass ich auf Haltbarkeit und Qualität setze – und gucke gern auch mal in die Kleiderschränke meiner Mutter oder von Freundinnen. Wir tauschen recht oft. Noch dazu sollte man dazu übergehen, gut kombinierbare Teile zu kaufen, das erleichtert einem auch das Styling morgens. 

Und Deine alten Sachen?

Meine alten Klamotten spende ich, schenke sie Freundinnen oder gebe sie in den Second Hand Shop. Kaputte Kleidung versuche ich zu recyceln – wenn nichts mehr geht, dann eben als Putzlappen.

Ist das nicht sehr teuer?

Nicht zwangsläufig. Auch wenn momentan nachhaltige Labels noch etwas teurer sind als fast Fashion. Allerdings halten diese nachhaltigen Teile oft länger – und wenn man einen teuren Pullover pro Jahr kauft – anstelle von 10 billigen alle paar Wochen, läuft es auf das Gleiche hinaus. Man könnte auch sagen: „Wahrer Luxus ist grün“, denn je besser und hochwertiger ein Produkt verarbeitet wurde, desto langlebiger ist es.

Trotzdem hat „Öko-Mode“ oft noch ein schlechtes Image… 

Ich würde nicht sagen, „ein schlechtes Image“, sondern eher ein „langweiliges“. Viele denken, dass nachhaltige Mode auch so „ökomäßig“ aussieht, das stimmt aber schon lange nicht mehr. Davon konnte ich mich z.B. bei der größten nachhaltigen Modemesse NEONYT zur Fashion Week in Berlin in den letzten zwei Jahren selbst überzeugen. Dort präsentieren sich junge hippe Labels, die super coole Looks kreieren. 
 

Hast Du Vorbilder in Sachen „Fashion“ und „Nachhaltigkeit“? 

Auf jeden Fall! National ist das für mich Barbara Meier, die ja aktuell auch das Gesicht vom „Grünen Knopt“ ist, dem neuen deutschen Textilsiegel zur Corporate Social Responsibility.

International ist es Gisele Bündchen. Ihr Buch „Lessons“ ist absolut empfehlenswert und gibt ganz neue Denkimpulse. Sie beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Nachhaltigkeit insbesondere in der Textilindustrie. Denn die Textilindustrie trägt bis auf die Ölindustrie am meisten zur Umweltverschmutzung bei. 

Ganz ehrlich: Suchst Du Dir Deine Jobs nach Nachhaltigkeit aus?

Genau so ehrlich: Ich versuche es. Von Beginn meiner Karriere an habe ich mich vollständig geweigert, Pelzmode zu tragen. Das führte natürlich oft zu Diskussionen, aber ich wollte mir selbst treu bleiben. Und auch Fast Fashion Retailer (wie z.B. Pimkie oder Primark), die das Thema Nachhaltigkeit bewusst auslassen, sind nichts für mich.  

Was ist Dein Ziel? „Green Fashion“ auf die „Red Carpets“ zu bringen?

Ja, warum nicht Es ist doch gruselig, dass die Modeindustrie hinter der Ölindustrie am meisten Umweltschmutz verursacht. Das ist 81 Mal so viel wie der Luftverkehr oder die Kreuzfahrtindustrie ausmacht. Und – es ist irre, wie schnelllebig die Mode ist. Das ist so eine verschwenderische Industrie! Jeder Deutsche wirft 76 Kleidungsstücke im Jahr weg. Deshalb versuche ich, das Thema Nachhaltigkeit zu puschen und jüngere Labels – wie sie sich zum Beispiel bei der NEONYT präsentieren –  zu unterstützen. 

Was erhoffst Du Dir für die Zukunft?

Außer, dass so schnell wie möglich ein Corona-Impfstoff gefunden wird? Dass wir alle diese Situation auch als Chance für ein besseres Miteinander begreifen. Dass wir näher zusammenrücken – obwohl wir soziale Kontakte ja möglichst vermeiden sollen. Und – dass Enie van de Meiklokjes dieses Interview liest und mich in ihre Backshow einlädt… 

Fotos: StarPress / Kay Kirchwitz

 

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